von

Die erste Tugend ist Neugier. Das brennende Verlangen danach, zu wissen, steht über jedem feierlichen Gelöbnis, der Wahrheit nachzugehen. Um dieses brennende Verlangen der Neugier zu spüren, musst du sowohl unwissend sein als auch deine Unwissenheit aufgeben wollen. Wenn du in deinem Herzen glaubst, dass du bereits weißt, oder wenn du in deinem Herzen nicht wissen willst, dann wird dein Fragen ohne Zweck sein und deine Fähigkeiten ohne Richtung. Die Neugier will sich selbst vernichten, es gibt keine Neugierde, die keine Antwort will. Die Glorie des glorreichen Geheimnisses ist, es zu lösen, woraufhin es aufhört, ein Geheimnis zu sein. Sei vorsichtig bei denen, die von Aufgeschlossenheit sprechen und bescheiden ihre Unwissenheit zugeben. Es gibt eine Zeit, deine Unwissenheit zuzugeben und eine Zeit, deine Unwissenheit loszuwerden.

Die zweite Tugend ist Entledigung. P. C. Hodgell sagte: “Was durch die Wahrheit zerstört werden kann, sollte durch sie zerstört werden.” Schrecke nicht vor Erfahrungen zurück, die deine Überzeugungen zerstören könnten. Ein Gedanke, den du nicht denken kannst, kontrolliert dich mehr als die Gedanken, die du laut aussprichst. Setze dich harten Proben aus und teste dich im Feuer. Entledige dich der Emotion, die auf einem falschen Glauben beruht, und versuche, das Gefühl, das den Tatsachen entspricht, vollständig zu fühlen. Wenn sich das Eisen deinem Gesicht nähert, und du glaubst es sei heiß, doch ist es kühl, dann steht Der Weg entgegen deiner Angst. Wenn sich das Eisen deinem Gesicht nähert und du glaubst es sei kühl, doch es ist heiß, dann steht der Weg entgegen deiner Ruhe. Bewerte zuerst deine Überzeugungen und gelange dann zu deinen Emotionen. Lass dich selbst sagen: “Wenn das Eisen heiß ist, möchte ich glauben, dass es heiß ist, und wenn es kühl ist, möchte ich glauben, dass es kühl ist.” Gib Acht, nicht an Überzeugungen zu hängen, die du vielleicht nicht willst.

Die dritte Tugend ist Leichtigkeit. Lass dich vom Wind der Beweise umherwehen, als ob du ein Blatt wärst, ohne eigene Richtung. Pass auf, dass du kein Rückzugsgefecht gegen die Beweise kämpfst, widerwillig jeden Fußbreit Boden nur aufgebend wenn dazu gezwungen, dich dabei betrogen fühlend. Gib dich so schnell wie möglich der Wahrheit hin. Tu dies in dem Augenblick, in dem du erkennst, wogegen du Widerstand leistest – in dem Augenblick, in dem du sehen kannst, aus welchem ​​Winkel der Wind der Beweise gegen dich weht. Sei deiner Sache treulos und verrate sie an einen stärkeren Gegner. Wenn du Beweise als Einschränkungen betrachtest und versuchst, dich zu befreien, verkaufst du dich in die Versklavung durch deine Launen. Denn du kannst keine wahre Karte einer Stadt machen, indem du mit geschlossenen Augen in deinem Schlafzimmer sitzt und deinen Impulsen nachgehend Linien aufs Papier zeichnest. Du musst durch die Stadt gehen und auf dem Papier Linien zeichnen, die dem entsprechen, was du siehst. Wenn du, die Stadt unklar sehend, denkst, dass du eine Linie nur ein wenig nach rechts verschieben kannst, oder ein wenig nach links, deiner Laune nach, ist dies genau derselbe Fehler.

Die vierte Tugend ist Gleichmäßigkeit. Wer glauben möchte, sagt: “Gestatten mir die Beweise, zu glauben?” Jemand, der ungläubig sein will, fragt: “Zwingen mich die Beweise dazu, zu glauben?” Hüte dich davor, eine große Beweislast nur von Aussagen zu verlangen, die du nicht magst, und dich dann zu verteidigen, indem du sagst: “Aber es ist doch gut, skeptisch zu sein.” Wenn du dich nur des wünschenswerten Beweismaterials annimmst, indem du aus deinen gesammelten Daten auswählst und herauspickst, dann weißt du umso weniger, je mehr Daten du sammelst. Wenn du wählerisch darin bist, welche Argumente du auf Fehler überprüfst oder wie hart du nach Fehlern suchst, dann macht dich jeder Fehler, den du entdeckst, um genau seine eigene Größe dümmer. Wenn du zuerst auf den unteren Rand eines Blattes Papier schreibst, “und deshalb ist der Himmel grün!”, dann ist es egal, welche Argumente du danach darüber hinschreibst; die Schlussfolgerung steht bereits geschrieben, und sie ist jetzt schon richtig oder jetzt schon falsch. Clevere Argumentation ist nicht Rationalität, sondern Rationalisierung. Intelligenz muss, um nützlich zu sein, für etwas anderes verwendet werden, als sich selbst zu besiegen. Höre dir Hypothesen an, sowie sie ihre Plädoyers vor dir vortragen, aber denke daran, dass du keine Hypothese bist, sondern die Richterin. Strebe daher nicht nach der einen oder anderen Seite, denn wenn du dein Ziel kennen würdest, wärst du schon da.

Die fünfte Tugend ist Debatte. Wer scheitern will, muss zuerst verhindern, dass ihm seine Freunde helfen können. Diejenigen, die weise lächeln und sagen: “Ich werde nicht debattieren”, entziehen sich der Hilfe und treten aus der gemeinschaftlichen Anstrengung aus. Strebe in Debatten nach Ehrlichkeit, um der anderen willen und auch um deiner selbst: Der Teil von dir, der das verzerrt, was du anderen sagst, verzerrt auch deine eigenen Gedanken. Glaube nicht, dass du anderen einen Gefallen tust, wenn du ihre Argumente akzeptierst. Den Gefallen tust du dir selbst. Glaube nicht, dass ‘Gerechtigkeit für alle Seiten’ bedeutet, dass du dich gleichmäßig zwischen den Positionen ausbalancierst; Wahrheit wird nicht vor Beginn einer Debatte zu gleichen Teilen an alle ausgehändigt. Du kannst in sachlichen Fragen nicht vorankommen, indem du mit Fäusten oder Beleidigungen kämpfst. Suche nach einem Test, der die Realität über euch urteilen lässt.

Die sechste Tugend ist Empirie. Die Wurzeln des Wissens liegen in der Beobachtung, und seine Frucht ist die Voraussage. Welcher Baum kann ohne Wurzeln wachsen? Welcher Baum nährt uns ohne Früchte? Wenn ein Baum in einen Wald umfällt und niemand da ist, um es zu hören, hat er ein Geräusch gemacht? Einer sagt: “Ja, dies hat er, da er Schwingungen in der Luft auslöst.” Ein anderer sagt: “Nein, tut er nicht, denn es findet keine auditive Verarbeitung in jeglichem Gehirn statt!” Obwohl sie streiten, einer sagt “Ja”, und einer sagt “Nein”, erwarten die beiden keine unterschiedliche Erfahrung des Waldes. Frage nicht, welchen Glauben du geloben sollst, sondern welche Erfahrungen du erwarten sollst. Wisse immer, über welchen Unterschied in der Erfahrung du debattierst. Lass die Erörterung nicht umherwandern und über etwas anderes werden, etwa die Tugendhaftigkeit eines Menschen als Rationalist. Jerry Cleaver sagte: “Was dich kaputtmacht, ist nicht dein Versagen, irgendeine hochrangige, verschachtelte, komplizierte Technik anzuwenden. Es ist, die Grundlagen zu übersehen. Den Ball nicht im Auge zu behalten.” Lass dich nicht von Worten blenden. Wenn Worte wegfallen, bleiben Erwartungen bestehen.

Die siebte Tugend ist Einfachheit. Antoine de Saint‐Exupéry sagte: “Perfektion ist nicht erreicht, wenn nichts mehr hinzuzufügen ist, sondern wenn nichts mehr wegzunehmen ist.” Einfachheit ist tugendhaft in Überzeugungen, Gestaltung, Planung und Begründung. Wenn du dich zu einer großen Überzeugung mit vielen Details bekennst, ist jedes weitere Detail eine weitere Chance, dass die Überzeugung falsch ist. Jede Präzisierung trägt zu deiner Bürde bei, und wenn du deine Bürde verringern kannst, musst du dies tun. Es gibt keinen Strohhalm, der nicht die Kraft hat, dir den Rücken zu brechen. Von Artefakten heißt es: Das zuverlässigste Getriebe ist dasjenige, das aus der Maschine heraus konstruiert ist. Von Plänen: Ein wirres Netz reißt. Eine Kette von eintausend Verknüpfungen wird zu einem korrekten Ergebnis führen, wenn jeder Schritt richtig ist, aber wenn ein einziger Schritt falsch ist, kann sie dich überall hintragen. In der Mathematik kann ein Berg guter Taten nicht eine einzige Sünde aufwiegen. Sei deshalb bei jedem Schritt vorsichtig.

Die achte Tugend ist Demut. Demütig zu sein bedeutet, in Vorwegnahme deiner eigenen Fehler spezifische Schritte zu unternehmen. Deine Fehlbarkeit zuzugeben und dann nichts dagegen zu tun ist nicht demütig; es ist vielmehr, dich deiner Bescheidenheit zu rühmen. Welche sind die Demütigsten? Diejenigen, die sich am geschicktesten auf die größten und katastrophalsten Fehler in ihren eigenen Überzeugungen und Plänen vorbereiten. Da in dieser Welt viele Menschen leben, deren Verständnis von Rationalität unterirdisch ist, gewinnen Rationalitätsanfänger Debatten und erlangen eine übertriebene Sicht auf ihre eigenen Fähigkeiten. Aber es ist nutzlos, überlegen zu sein: Das Leben wird nicht auf einer Skala vom Klassenbesten zum Klassenschlechtesten benotet. Der beste Physiker im antiken Griechenland konnte nicht den Weg eines fallenden Apfels berechnen. Es gibt keine Garantie dafür, dass eine Angemessenheit erreichbar ist, selbst mit deiner größten Anstrengung. Also verschwende keinen Gedanken daran, ob andere schlechter sind. Wenn du dich mit anderen vergleichst, wirst du nicht die Verzerrungen sehen, die alle Menschen teilen. Mensch zu sein bedeutet, zehntausend Fehler zu machen. Niemand auf dieser Welt erreicht Perfektion.

Die neunte Tugend ist Perfektionismus. Je mehr Fehler du in dir korrigierst, desto mehr bemerkst du. Wenn dein Geist leiser wird, hörst du mehr Lärm. Wenn du einen Fehler in dir selbst bemerkst, signalisiert dies deine Bereitschaft, die nächste Stufe zu erreichen. Wenn du den Fehler tolerierst, anstatt ihn zu korrigieren, gelangst du nicht zur nächsten Ebene und du wirst nicht die Fähigkeit erlangen, neue Fehler zu bemerken. In jeder Kunst wirst du – wenn du nicht Perfektion suchst – stehenbleiben, bevor du deine ersten Schritte machst. Wenn Perfektion unmöglich ist, ist das keine Entschuldigung dafür, es nicht zu versuchen. Halte dich an den höchsten Standard, den du dir vorstellen kannst, und suche nach einem noch höheren. Sei nicht zufrieden mit der Antwort, die fast richtig ist; suche eine, die genau richtig ist.

Die zehnte Tugend ist Präzision. Einer kommt und sagt: Die Menge liegt zwischen 1 und 100. Ein anderer sagt: Die Menge ist zwischen 40 und 50. Wenn die Menge 42 ist, lagen beide richtig, aber die zweite Vorhersage war nützlicher und hat sich einem strikteren Test ausgesetzt. Was für einen Apfel gilt, trifft möglicherweise nicht auf einen anderen Apfel zu, so kann man mehr über einen einzelnen Apfel als über alle Äpfel der Welt sagen. Die schmalsten Aussagen schneiden am tiefsten, sie sind die Schneide an der Klinge. Wie bei der Karte, so auch bei der Kunst des Kartenmachens: Der Weg ist eine präzise Kunst. Geh nicht zur Wahrheit, sondern tanze zu ihr. Bei jedem Schritt dieses Tanzes landet dein Fuß genau auf der richtigen Stelle. Jedes Beweisstück verschiebt deine Überzeugungen um genau die richtige Menge, weder mehr noch weniger. Was ist genau die richtige Menge? Um dies zu berechnen, musst du die Wahrscheinlichkeitstheorie studieren. Selbst wenn du nicht in der Lage bist, es zu berechnen, sagt dir das Wissen, dass die Mathematik existiert, dass der Tanzschritt präzise ist und dabei kein Platz für deine Launen ist.

Die elfte Tugend ist Gelehrsamkeit. Studiere viele Wissenschaften und nimm ihre Kraft als deine eigene auf. Jedes Feld, das du konsumierst, vergrößert dich. Wenn du genug Wissenschaften schluckst, werden die Lücken zwischen ihnen verschwinden und dein Wissen wird ein einheitliches Ganzes. Wenn du gefräßig bist, wirst du größer als die Berge. Es ist besonders wichtig, solche Mathematik und solche Naturwissenschaften zu essen, die mit Rationalität verwoben sind: Evolutionspsychologie, Heuristiken und kognitive & statistische Verzerrungen, Sozialpsychologie, Wahrscheinlichkeitstheorie, Entscheidungstheorie. Aber diese dürfen nicht die einzigen Bereiche sein, die du studierst. Die Kunst muss einen anderen Zweck als sich selbst haben, oder sie kollabiert in unendlicher Rekursion.

Vor diesen elf Tugenden steht eine namenlose Tugend.

Miyamoto Musashi schrieb im Buch der fünf Ringe:

Wenn du ein Schwert in die Hand nimmst, hast du vor allem die Absicht, den Feind zu schlagen, egal wie. Immer wenn du parierst, schlägst, vorspringst, triffst oder das schneidende Schwert des Feindes berührst, musst du den Gegner in der gleichen Bewegung schneiden. Es ist wichtig, dies zu erreichen. Wenn du nur daran denkst, zu schlagen, zu vorzuspringen, zu schlagen oder den Feind zu berühren, kannst du ihn nicht wirklich schneiden. Mehr als alles andere musst du daran denken, deine Bewegung dazu zu bringen, ihn zu schneiden.”

Jeder Schritt deines Räsonierens muss in derselben Bewegung auf die richtige Antwort vordringen. Mehr als alles andere musst du daran denken, deine Karte dazu voranzudrängen, das Terrain wiederzugeben.

Wenn du daran versagst, eine korrekte Antwort zu erreichen, ist es sinnlos zu protestieren, dass du dich anständig verhalten hast.

Wie kannst du deine Vorstellung von Rationalität verbessern? Nicht indem du dir selbst sagst: “Es ist meine Pflicht, rational zu sein.” Damit verankerst du nur deine falsche Vorstellung. Vielleicht ist deine Auffassung von Rationalität, dass es rational ist, den Worten des Großen Lehrers zu glauben, und der Große Lehrer sagt: “Der Himmel ist grün”, und du schaust in den Himmel und siehst blau. Wenn du denkst: “Es mag aussehen als wäre der Himmel blau, aber Rationalität ist es, den Worten des Großen Lehrers zu glauben”, verlierst du eine Chance, deinen Fehler zu entdecken.

Frag nicht, ob es “Der Weg” ist, dies oder jenes zu tun. Frage, ob der Himmel blau oder grün ist. Wenn du allzuviel über Den Weg sprichst, wirst du nicht zu ihm gelangen.

Du kannst versuchen, das höchste Prinzip mit Namen wie “die Karte, die das Terrain widerspiegelt” oder “Erfahrungen von Erfolg und Misserfolg” oder “Bayessche Entscheidungstheorie” zu benennen. Aber vielleicht beschreibst du die namenlose Tugend falsch. Wie wirst du deinen Fehler entdecken? Nicht indem du deine Beschreibung mit sich selbst vergleichst, sondern indem du sie mit dem vergleichst, was du nicht genannt hast.

Wenn du viele Jahre lang die Techniken übst und dich strengen Beschränkungen aussetzt, kann es sein, dass du einen Blick auf das Zentrum wirfst. Dann wirst du sehen, wie alle Techniken eine Technik sind, und du wirst dich korrekt bewegen, ohne dich eingeschränkt zu fühlen. Musashi schrieb: “Wenn du die Kraft der Natur schätzt, den Rhythmus jeder Situation kennst, wirst du in der Lage sein, den Feind auf natürliche Weise zu treffen und natürlich zu schlagen. All dies ist der Weg der Leere.”

Dies also sind dann zwölf Tugenden der Rationalität:

Neugier, Entledigung, Leichtigkeit, Gleichmäßigkeit, Debatte, Empirie, Einfachheit, Demut, Perfektionismus, Präzision, Gelehrsamkeit und die Leere.

# # # # # #

17. April 2018