Kritik an einem beliebten Argument im Atheismus, übersetzt aus dem Englischen von Vegard Beyer.
Artikel + Fussnoten von Luke Muehlhauser, am 13. März 2011 in Criticism of Atheists auf CommonSenseAtheism.com

Ich habe viel Hilfreiches gelernt vom Autor dieses Artikels – Luke Muehlhauser – und seinesgleichen (Eliezer Yudkowsky, Robin Hanson, Scott Alexander, Nick Bostrom, Julia Galef, etc).

Diesen Artikel habe ich nun mehrfach gelesen. Ich stimme allen wichtigen Aussagen darin zu. (Wo ich nicht vollkommen zustimme, habe ich in Klammern entsprechend kommentiert.)

Also entschied ich, eine noch genauere Betrachtung mit Nutzen für andere zu verbinden.


Luke Muehlhauser:

Heute möchte ich eine der heiligen Kühe des Atheismus töten. Ich möchte eine der beliebtesten und widerstandsfähigsten Erwiderungen des Atheismus töten.

Eine der heiligen Kühe des Atheismus ist der “Wer hat den Designer entworfen?”-Konter. Der übliche Ablauf ist wie folgt:

THEIST: “Es gibt so viel Komplexität in der Welt, sie muss von einem Intelligenten Designer entworfen worden sein. Die beste Erklärung für unsere Welt ist ein Intelligenter Designer.”

ATHEIST: “Aber wer hat dann den Designer entworfen?”

THEIST: “Niemand.” (Oder vielleicht: “Ich weiß es nicht.”)

ATHEIST: “Na dann hast du nichts erklärt.”

Das ist ein sehr beliebter Einwand. Zum Beispiel, hier ist Christopher Hitchens:

… das Postulat eines Designers oder Schöpfers wirft nur die unbeantwortbare Frage auf, wer den Designer entworfen oder den Schöpfer geschaffen hat. Religion und Theologie (…) haben vielfach versagt, diesen Einwand zu überwinden.

Oder die Philosophin Rebecca Goldstein:

Wer hat Gott verursacht? [Theisten bieten] ein Paradebeispiel für den logischen Fehlschluss ‘Tu Quoque’ [engl. auch ‘Fallacy of Passing the Buck’]:

Gott als Argument anführen, um ein [Logik-] Problem zu lösen, aber dann das exakt gleiche Problem unbeantwortet lassen, wenn es auf Gott selbst angewendet wird.”

Das ist also für den Theismus absolut verheerend, nicht wahr?

Nein. Falsch. Der Atheist hat keinen starken Einwand vorgebracht.

Um klar zu sein: Ich stimme zu, dass “Gott hat es getan” im Allgemeinen eine schreckliche, furchtbare, ungute, sehr schlechte “Erklärung” für Komplexität ist, oder, na ja, für so ziemlich alles. “Gott hat es getan” versagt im Allgemeinen als Erklärung.2

Aber es versagt nicht deshalb, weil der Theist für seine Erklärung (Gott) keine Erklärung hat. Das ist nicht das Problem mit dem Anbieten von “Gott hat es getan” als Erklärung.

Das Problem mit dem Anbieten von “Gott hat es getan” als Erklärung ist, dass eine solche Erklärung wenig plausibel ist, nicht testbar ist, eine schlechte Konsistenz mit bestehendem Hintergrundwissen hat, aus einer Tradition (Supernaturalismus) mit extremem erklärerischem Versagen kommt, nicht einfach ist, keine neuartige Vorhersagungsmöglichkeit bietet und kaum einen erklärerischen Anwendungsbereich hat. Es versagt, weil es fast nichts bietet, das Philosophen und Wissenschaftler in einer erfolgreichen Erklärung suchen.

Darum ist “Gott hat es getan” im Allgemeinen eine schreckliche Erklärung, nicht weil es die Erklärung selbst (Gott) unerklärt lässt.

Fragen wir uns, was passieren würde, wenn wir verlangen würden, dass eine erfolgreiche Erklärung auch selbst erklärt werden muss.

Dies würde sofort zu einem unendlichen Regress von Erklärungen führen. Wir müssten eine Erklärung der Erklärung haben und eine Erklärung der Erklärung der Erklärung und eine Erklärung der Erklärung der Erklärung der Erklärung… bis in die Unendlichkeit. Und so könnten wir niemals etwas erklären.3

Darüber hinaus: so funktioniert Wissenschaft nicht. Beispiele aus der Physik sind am offensichtlichsten. Um bestimmte Quantenphänomene zu erklären, haben Wissenschaftler die Existenz von Dutzenden von unsichtbaren Teilchen mit sehr speziellen Eigenschaften postuliert, die zu vorhersagbaren Ergebnissen führen. Dies waren einige der erfolgreichsten Erklärungen in der Geschichte der Wissenschaft, die die genauesten experimentelle Ergebnissen lieferten, die wir jemals erreicht haben. Und dennoch haben wir keinerlei Erklärungen für die Teilchen, die wir als Erklärungen für die Quantenphänomene angeboten haben.

Der Grund, warum die Details des Standardmodells der Teilchenphysik als gute Erklärungen für Quantenphänomene akzeptiert werden, liegt darin, dass diese Erklärungen plausibel sind, sie sind extrem testbar, sie haben eine starke Übereinstimmung mit Hintergrundwissen, sie kommen aus einer Tradition (Naturwissenschaft) mit großem erklärerischem Erfolg, sie sind relativ einfach, sie bieten viel neuartige Vorhersagungsmöglichkeit, und sie haben einen großen erklärerischen Anwendungsbereich. Es spielt keine Rolle, dass wir für die Erklärungen selbst keine Erklärung haben.

Ein weiteres Beispiel. Ludwig Boltzmann erklärte die Hitze, indem er winzige, unbeobachtete Teilchen (die wir jetzt Atome nennen) postulierte. Boltzmanns Theorie war früheren phänomenologischen Theorien der Hitze überlegen, obwohl seine Erklärung (ein Durcheinander von winzigen Teilchen) selbst völlig ungeklärt war.

Das Problem mit der heiligen Atheisten-Kuh von “Wer hat den Designer entworfen?” ist also, dass es am Wesentlichen vorbeigeht. “Gott hat es getan” ist eine schreckliche Erklärung, aber nicht, weil uns Theisten nicht sagen können, was die Erklärung für den Designer ist. Es gibt andere Gründe, warum “Gott hat es getan” im Allgemeinen eine schreckliche Erklärung ist, und dies ist, was Atheisten zu kommunizieren versuchen sollten.

Trotz wiederholter Versuche, dies meinen atheistischen Lesern zu erklären, bestehen viele immer noch darauf, dass erfolgreiche Erklärungen selbst erklärt werden müssen. An diesem Punkt weiß ich nicht, was ich sonst tun soll, außer einige Gelehrte zu zitieren, um zu versuchen, meine Mitatheisten dazu zu bringen, dieses grundlegende Prinzip der Wissenschaftsphilosophie zu akzeptieren. 🙂

Hier ist der atheistische Wissenschaftsphilosoph Peter Lipton:

Der Warum-Regress ist ein Merkmal der Erklärungslogik, die viele von uns als Kinder entdeckten, zu Lasten unserer Eltern. Ich erinnere mich lebhaft an den Moment, als es mir dämmerte, dass, egal wie meine Mutter auf meine letzte Warum-Frage antwortete, ich sie einfach erwidern konnte, indem ich über die Antwort selbst fragte, “Warum?” – bis meine Mutter keine Antworten oder Geduld mehr hatte…

[Aber] Erklärungen brauchen nicht selbst bereits verstanden zu sein. Eine Dürre könnte eine schlechte Ernte erklären, selbst wenn wir nicht verstehen, warum es eine Dürre gab. Ich verstehe, warum Sie nicht zur Party gekommen sind, wenn Sie erklären, dass Sie starke Kopfschmerzen hatten, auch wenn ich keine Ahnung habe, warum Sie Kopfschmerzen hatten; der Urknall erklärt die Hintergrundstrahlung, auch wenn der Urknall selbst unerklärlich ist, und so weiter…

… das [Warum-Regress-]Argument bringt die wichtigen Fakten hervor, dass Erklärungen verkettet sein können und dass das, was erklärt, nicht selbst bereits erklärt sein muss…4

Oder sehen Sie sich den atheistischen Wissenschaftsphilosophen Michael Friedman an. Beachten Sie, dass er annimmt, dass unsere Erklärungen selbst unerklärt sein können, aber dass Erklärungen darin erfolgreich sind, unser Verständnis der Welt zu verbessern:

Betrachten Sie das alte Argument, dass die Wissenschaft nichts erklären kann, weil die grundlegenden Phänomene, auf die andere reduziert werden, selbst weder erklärt noch verstanden sind. Nach diesem Argument überträgt die Wissenschaft nur unsere Verwirrung von einem Phänomen zum anderen… Die Antwort, wie ich es sehe, ist, dass (…) wir nicht einfach nur ein Phänomen durch ein anderes ersetzen. Wir ersetzen ein Phänomen durch ein umfassenderes Phänomen und dadurch (…) steigern wir unser Verständnis der Welt.

Und hier ist der atheistische Religionsphilosoph Gregory Dawes:

Richard Dawkins, zum Beispiel, schreibt, dass, um die Maschinerie des Lebens zu erklären, ‘einen übernatürlichen Designer heraufzubeschwören bedeutet, rein gar nichts zu erklären.’ Warum? Weil es die Herkunft des Designers unerklärt lässt.

… [Dawkins’ Idee ist], dass religiöse Erklärungen inakzeptabel sind, weil sie die Existenz ihres Explanans [Erklärungselements], Gott, ungeklärt lassen. Dawkins nimmt anscheinend an, dass jede erfolgreiche Erklärung auch ihre eigenen Explanans erklären sollte.

Aber das ist eine unvernünftige Forderung. Viele unserer erfolgreichsten Erklärungen werfen neue Rätsel auf und stellen uns neue Fragen, die beantwortet werden müssen.

Schließlich John Post, atheistischer Philosoph der Metaphysik:

…es kann keinen unendlichen Regress von Erklärungen geben … Auch hier sind die Gründe nicht die der praktischen Anwendbarkeit, wie die Endlichkeit unserer Fähigkeiten, sondern logisch oder konzeptuell, als Folgen des Erklärungsbegriffs an sich. Selbst für einen unendlichen Intellekt muss die Regression solcher Erklärungen enden…7

Fazit

Warum will ich diese heilige Kuh des Atheismus töten?

Erstens, weil ich dem Atheismus an sich nicht treu bin, sondern der Wahrheit und der Vernunft.

Zweitens, weil ich möchte, dass Atheisten aufhören, Argumente und Einwände vorzubringen, die so leicht widerlegt werden können.

Drittens, weil ich möchte, dass sich Atheisten auf Einwände konzentrieren, die wirklich wichtig sind. Wenn ein Gläubiger “Gott hat es getan” als die beste Erklärung für etwas bietet, sollte unsere Frage nicht sein, “nun, wer hat dann den Designer entworfen?” sondern stattdessen “Warum ist Gott die beste Erklärung dafür? Würdest du es bitte erklären?”

Der Theist hat eine gute Antwort auf die erste Frage. Er wird keine gute Antwort für die zweite haben. Nicht wenn du vorbereitet bist:

theism and explanation big

Dieses großartige Buch zeigt, warum Gott für alles eine schlechte Erklärung ist.

  1. Der Herr ist kein Hirte, Seite 71. []
  2. Ich sage nicht, dass ich einen ‘grundsätzlichen’ Einwand gegen theistische Erklärungen habe. Die Leistungen theistischer Erklärungen müssen von Fall zu Fall beurteilt werden. Aber ich denke, es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass theistische Erklärungen in unserem Universum gelingen werden. []
  3. Tatsächlich gibt es eine gesunde Debatte darüber, ob ein unendlicher Regress der Erklärungen ein bösartiger Rückschritt oder ein gutartiger Rückschritt ist. Ein guter Übersichtsartikel mit einer großartigen Bibliographie zu diesem Thema ist Scott Aikin, “Who is afraid of epistemology’s regress problem?” (2005). Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir regelmäßig exzellente Erklärungen anbieten, die selbst nicht erklärt sind, besonders in der Physik, wo unsere erfolgreichsten Erklärungen gegeben werden. []
  4. Inference to the Best Explanation, Seite 24. []
  5. Explanation and Scientific Understanding,” Seiten 18–19. []
  6. Theism and Explanation, Seiten 15–16. []
  7. Infinite Regresses of Justification and Explanation,” Seite 32. []