Soziale Medien beschädigen die Psyche wohl mehr, als irgendwer erwartet hätte. Darüber hat im letzten Jahr eine ganze Reihe von Silicon-Valley-Stars offen gesprochen. Ich denke, das sollten wir dringend ernstnehmen.

 

Justin Rosenstein versteht die Anziehungskraft von Facebook-“Likes” und ihren vielen Nachkommen auf anderen Plattformen besonders gut. Er beschreibt sie als “helle Plings aus Pseudo-Freude”, als verführerisch und leer. Damit kennt er sich aus, denn er war unter den Facebook-Entwicklern, die den “Like” entwickelten.

Über zehn Jahre später gehört er zu den Ehemaligen, die vor den Gefahren der “Attention Economy” warnen: ein hochkommerzielles Internet, das von den Bedürfnissen der Werbeindustrie vereinnahmt wird.

Gründer und CEOs haben natürlich selten einen Anreiz, vom Mantra “Wir machen die Welt zu einem besseren Ort” abzuweichen. Aber dass es jemandem Vorteile verschafft, etwas zu sagen, bedeutet nicht automatisch, dass die Aussage wahr ist…

Roger McNamee, ein früher Investor in Facebook, warnte in seiner Guardian-Kolumne, dass das Unternehmen ansprechen muss, “welchen Schaden die Plattform durch Sucht und durch Missbrauch bösartiger Akteure angerichtet hat.

Ich war früher einmal Mark Zuckerbergs Mentor, aber leider habe ich mit ihm nicht über diese Dinge sprechen können.

Die Internet-Plattformen weisen jede Kritik von sich und lassen ihre Nutzer in Gefahren zurück.”

Sogar Sean Parker, Facebooks erster Präsident, beschrieb die Geschäftspraxis von Social-Media-Firmen als “eine Rückkopplungsschleife der sozialen Bestätigung… genau von der Sorte, wie sie ein Hacker wie ich entwickeln würde, denn du nutzt eine verletzliche Stelle in der menschlichen Psyche aus”. Parker beschreibt sich selbst inzwischen als “eine Art Dienstverweigerer aus Gewissensgründen” gegenüber Social Media.

Der Salesforce-Milliardär Marc Benioff sagte, Facebook sollte “genau so reguliert werden wie die Zigarettenindustrie”, wegen seiner suchterzeugenden und schädlichen Eigenschaften. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos beschrieb Benioff das dem Sender CNBC: “Hier ist ein Produkt – Zigaretten – sie erzeugen Sucht, sie sind nicht gut für dich, und vielleicht sind alle möglichen Kräfte im Spiel, die dich dazu bewegen wollen, bestimmte Dinge zu tun.

Es gibt viele Parallelen. Ich denke, dass Technologie ganz sicher suchterzeugende Eigenschaften hat, die wir angehen müssen, und dass Produktdesigner daran arbeiten, diese Produkte noch suchterzeugender zu machen, und das müssen wir so weit wie möglich beschränken.”

Das zentrale Problem an Desinformation ist (…), dass die gesamte Industrie dazu gebaut ist, fortgeschrittene Technologie einzusetzen, um die Aufmerksamkeit von Nutzern anzuhäufen und Werbung zu verkaufen.

Die Interessen von Werbenden und Plattformen sind gleich ausgerichtet. Und die Macher von Desinformation sind normalerweise ununterscheidbar von jedem anderen Werber.”

Dipayan Ghosh, ehemaliger Berater für Privatsphäre und Politikbeeinflussung bei Facebook

Natürlich müssen all die User erst einmal an Bord kommen. Facebook-Vizepräsident Andrew “Boz” Bosworth beschrieb in einem firmen-internen Memo, dass Facebooks einziger Wert ihr Wachstum sei. Nichts steht für Facebook darüber, als mehr Nutzer zu gewinnen. Inoffiziell, natürlich.

Wir verbinden Menschen. Punkt.

Genau deswegen ist all unsere Arbeit im Bereich Wachstum gerechtfertigt. All die fragwürdigen Kontakt-Importierungsmethoden. All der subtile Sprachgebrauch, der dafür sorgt, dass Leute für ihre Freunde durchsuchbar bleiben. All die Arbeit, die wir tun, um mehr Kommunikation zu uns zu holen. All die Arbeit, die wir irgendwann in China leisten werden müssen. Alles davon.”

Bosworth betonte, dass Facebook auf Wachstumstaktiken aufgebaut wurde, nicht auf der Qualität des News Feeds oder anderer Funktionen. Der Plattform-Effekt: Wenn alle deine Freunde dabei sind, wird es schwer, nicht dabei zu sein. Also müssen Nutzer her, irgendwie, damit mehr Nutzer kommen – und damit mehr von ihnen bleiben.

Das kann schlimm sein, wenn sie [die Benutzer] es negativ machen. Vielleicht kostet es jemanden sein Leben, weil er Fieslingen ausgesetzt wird. Vielleicht stirbt jemand in einer Terror-Attacke, die über unsere Werkzeuge koordiniert wurde.

Und trotzdem verbinden wir Menschen.

Die hässliche Wahrheit ist, dass wir so sehr daran glauben, Menschen zu verbinden, dass alles, was uns erlaubt, mehr Menschen öfter zu verbinden, de facto gut ist.”

Die aggressiven Wachstumstaktiken haben funktioniert, zumindest für die Nutzerzahlen der großen Plattformen.

Chamath Palihapitiya, Vize-Präsident für Nutzer-Wachstum bei Facebook bis 2011, sagte: “Die kurzfristigen, dopamingetriebenen Rückkopplungsschleifen, die wir geschaffen haben, sind dabei zu zerstören, wie die Gesellschaft funktioniert. Kein ziviler Diskurs, keine Kooperation, Falschinformation, Unwahrheit.” Er drückte ungeheure Schuldgefühle aus.

Manchmal geht dann auch mit dem eigentlichen Geschäft der Plattformen etwas schief.

Als zum Beispiel YouTube-Werbung neben amerikanischen weißen Nationalisten, gebannten Hasspredigern, und kontroversen islamischen Predigern gezeigt wurde, stoppte Havas UK alle digitalen Werbeausgaben an Google und YouTube.

Aber solche Zurschaustellungen von Werber-Empörung waren bisher kurzlebig. Ein Viertel aller globalen Werbeausgaben (in allen Medien) geht an Google und Facebook, und über 60% aller digitalen Werbeausgaben.

Infographic: 25 Percent of Global Ad Spend Goes to Google or Facebook | Statista

 

Werber sind überzeugt, dass sie nicht anders können, als dort Werbung zu kaufen, um das digital aktive Publikum beeinflussen zu können. Dies gibt Google und Facebook immense Macht. Sie haben das begehrteste Publikum gekapert. (Die Suchterzeugung werden sie, im Hintergrund, wohl eher steigern als senken.)

[…] Wir gehen davon aus, dass werbefinanzierte Suchmaschinen von Natur aus vor allem auf die Bedürfnisse der Werbekunden ausgerichtet sein werden, und fort von denen der Konsumenten.”

— Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin, in der ersten wissenschaftlichen Veröffentlichung über ihr Suchmaschinenprojekt (1998), 8. Appendix A, erster Absatz, letzter Satz

Der wirtschaftliche Anreiz zur Suchterzeugung ist ein Problem, aber nicht das einzige. Seit Facebooks ersten Tagen warnten Sozialwissenschaftler davor, dass die Plattform ignoriert, wie die menschliche Psyche funktioniert. Für gesunde und bedeutsame Beziehungen ist es essenziell, unterschiedliche Kontexte pflegen zu können (indem man unterschiedlichen Personen gegenüber unterschiedliche Aspekte der eigenen Persönlichkeit offenlegt).

Zuckerberg wies alle Hinweise ab. Die Gestaltung der Plattform sei so beabsichtigt. Er bestand darauf, dass jeder eine einzige Identität allen Menschen gegenüber präsentiere, alles andere sei “doppelgesichtig”. Er fügte hinzu, es sei “verlogen”, sich in unterschiedlichen sozialen Situationen unterschiedlich zu geben.

Seine persönliche Theorie über Interaktion hat es für Facebook vereinfacht, an Identitäten Geld zu verdienen. Aber da Nutzer online nur noch ihr einziges, perfektes Ich präsentieren können, geben sie sich alle gegenseitig das Gefühl, unzulänglich zu sein. Das begünstigt Depressionen. #deletefacebook ist für viele auch ganz direkt eine Sache des eigenen Wohlergehens.

Wachstum um jeden Preis und bewusstes Fördern von Abhängigkeit haben Facebook reich gemacht, und mächtig genug, um die Demokratie ganzer Länder merklich zu gefährden. Das klingt mehr nach Pablo Escobar als nach “Wir verbinden Menschen”. Wenn Facebook spontan den professionellen Journalismus auf Monate verstümmelt, hat darüber kein Bürger abstimmen können. Das sollte nicht möglich sein.

Eine Organisation, deren Rechtsform, Anteilhaber, und Wettbewerbslage stark auf Profitmaximierung abzielen, wird im Zweifelsfall zugunsten des Profits handeln. Manch einer scheint beim Stichwort Manipulation zu denken, dass es die Tech-Firmen entlastet, wenn sie in alldem nur das tun, was Kapitalismus immer tut, anstatt dass dies Kapitalismus belastet.

Wie große Unternehmen ihre Gewinne erwirtschaften können, kann und muss zum Wohle aller reguliert werden. Andernfalls beschränkt sich der öffentliche Nutzen auf das, was auch fürs Geschäft das Beste ist. Und was für die Welt gut wäre, kann schlecht fürs Geschäft sein.

Auf digitale Werkzeuge soll keiner verzichten müssen, aber wir dürfen verlangen, dass sie uns nicht krank, oberflächlich und hasserfüllt machen. Mit Gesetzgebung können wir eine bessere Basis dafür schaffen. Beständige Kritik, eine harte Haltung, und ein Blick auf Alternativen (oder Ausstieg) im Alltag sind jetzt gefragt.