Lerntechniken

Fällt dir ein Themenfeld ein, das du gern meistern würdest – du weißt nur nicht, wie? Sicher hat jeder solche Inhalte im Kopf: Wenn ich das Themenfeld XY richtig gut lernen würde, könnte ich viel besser arbeiten, mehr Wirkung erzielen, besser leben!

Ein Freund und ich gestalten derzeit ein Intensivlernprojekt für uns selbst. Damit wollen wir die Konzepte und Methoden, die wir in unserer Public Interest Communications-Arbeit täglich einsetzen, noch gründlicher und fundierter einüben.

Ultralearning: Intensiv, fundiert, vorausgeplant

Wir machen das so, wie Scott Young es in seinem Buch “Ultralearning” und seinen Blogposts beschreibt. Viel Zeit in Planung zu investieren lohnt sich, sagt er aus Erfahrung. Erst planen wir also gründlich: die Inhalte, die Reihenfolge. Und wir legen uns auch die besten Lerntechniken zurecht, um nie zögern oder verzweifeln zu müssen. Diese Techniken folgen hier.

Woher diese Techniken kommen

Das allermeiste, das unten steht, habe ich aus vier Posts zu wissenschaftlich fundierten Lernstrategien zusammengetragen und übersetzt. Diese vier Quellen sind ganz unten in den Fußnoten verlinkt.1 Alle von ihnen beschreiben die aktuell weltbeste Forschung übers optimale, schmerzfreie Lernen, die im Coursera-Onlinekurs “Learning How to Learn” von führenden Lernpsychologen großartig erklärt wird. Drei von ihnen basierend direkt auf dem Onlinekurs. Wenn du hier also etwas Wertvolles findest: Sieh dir “Learning How to Learn” mal an.

Die richtige Herangehensweise für jeden Lerninhalt

Unterscheide zwischen Fähigkeiten (Skills) und Konzepten (“theoretischen Inhalten”). Um Fähigkeiten zu lernen, setze Übung ein. Um Konzepte zu lernen, schaffe Verbindungen.

Im Folgenden die Techniken – grob in der chronologischen Reihenfolge, in der man sie im Lernen eines neuen Inhalts einsetzen würde. Ganz unten steht noch einige Tipps dafür, wie man sich die optimale Situation fürs Lernen schafft. Viel Erfolg!

Chunking

Brich das, was du lernen willst, in überschaubare Stücke herunter, und meistere jedes der Stücke, bis du ein Gesamtbild in deinem Kopf bilden kannst.3 Durchstöbere zuerst das Inhaltsverzeichnis. Prüfe dann die Zusammenfassung oder das Fazit. Danach kannst du detaillierter vorgehen und dich zunächst auf einen Teilaspekt konzentrieren. Begreife diesen zuerst. Dann den nächsten. Wenn ein Konzept zu groß und zu formlos erscheint, als dass es intuitiv lernbar erscheint und Spaß machen würde, dann toleriere das nicht. Zerlege es in mehrere Teile!

Die Schlüsselinformationen laut vorlesen.

Das erklärt sich von selbst.

Erwartungen & Sorgen reflektieren

Nimm dir 10 Minuten Zeit und schreibe alle Dinge auf, die dir Sorgen bereiten und die mit dem Lernprozess oder der prüfungsähnlichen Situation, in der dein Wissen getestet werden könnte, zusammenhängen.

Verbindungen herstellen

Verknüpfe das, was du lernst, mit etwas, das du bereits weißt. Je stärker du neue Konzepte mit bereits verstandenen Konzepten verbindest, desto schneller lernst du die neuen Informationen. Schaffe auch Verbindungen zwischen den neuen Konzepten.

Deep Linking

Deep Linking ist im Grunde genommen eine Praxis, bei der eine Idee tiefer erforscht wird, um weitere Verbindungen zu entdecken. Was ist der Kontext dieser Idee/des Konzeptes/des Prozesses? Wo ist sie entstanden? Wie unterscheidet sie sich von eng verwandten Konzepten? Manchmal kann man Wikipedia benutzen, um verwandte Ideen zu finden.

Metaphern & Analogien erstellen

Man kann sich Elektrizitätsbegriffe als Wasserbegriffe vorstellen: Die elektrische Spannung als Wasserdruck, die Stromstärke als Wasserdurchfluss pro Zeit, die Batterie ist eine Pumpe,…
Ich empfehle ein Brainstorming für Metaphern. Fange mit offenen Fragen an, wie:

  • Diese Idee erinnert mich an…
  • Diese Idee wird in realen Situationen verwendet, wie zum Beispiel…
  • Welches Phänomen ahmt diese Idee nach?
  • Wenn ich eine Geschichte über diese Idee erzählen wollte, würde sie folgendermaßen verlaufen…

Erkläre es einem Kind & reviewe dann: Die Feynman-Technik

Prof. Richard Feynman war ein Physiker, der großartig erklären konnte (zum Beispiel die Physik von Feuer). Er wusste auch sehr genau, wie wichtig der Unterschied zwischen “den Namen von etwas kennen” und “die Sache verstehen” ist. Er verbreitete die großartige Idee, dass man etwas erst dann richtig lernt, wenn man es stark heruntergebrochen anderen lückenlos zu erklären versucht:

Schritt 1: Bringe es einem Kind bei

Nimm ein leeres Blatt Papier heraus. Notiere oben das Thema, das du lernen möchtest. Schreibe nun alles auf, was du über das Thema, das du verstehen willst, weißt, als würdest du es einem Kind beibringen (ohne dabei dein Material anzuschauen – das heißt Active Recall, also aktive Erinnerung). Nicht dein schlauer erwachsener Freund, sondern ein 12-Jähriger, der gerade genug Vokabular und Aufmerksamkeitsspanne hat, um grundlegende Konzepte und Beziehungen zu verstehen. Du zwingst dich selbst dazu, das Konzept auf einer tieferen Ebene zu verstehen und vereinfachst die Zusammenhänge zwischen den Ideen. An manchen Stellen wirst Du Dich schwer tun. Das sind genau die Punkte, an denen du in deinem Verständnis Lücken hast.

Schritt 2: Überprüfung

Nur wenn du auf Lücken in deinem Wissen stößt – wo du etwas Wichtiges vergessen hast, nicht in der Lage bist, es zu erklären, oder einfach nur Schwierigkeiten hast, darüber nachzudenken, wie Variablen zusammenspielen – kannst du wirklich anfangen zu lernen. Sobald du weißt, wo du feststeckst, gehst du zum Ausgangsmaterial zurück und lernst es neu, bis du es in einfachen Worten erklären kannst.

Mehrere Lösungen oder Erklärungsmöglichkeiten finden

Unser Verstand bleibt leicht stecken, sobald wir eine gute Idee oder Metapher haben, um etwas zu erklären – versuche, fünf Wege zu finden, um das vorliegende Konzept anzugehen oder 3 unterschiedliche Metaphern, um es zu erklären. Auf diese Weise wird man kreativer, gibt einer Idee mehr Kontext, und man stellt sicher, dass man das Konzept auch wirklich versteht.

Dokumentieren

Wir erstellen uns Templates, die uns das künftige Anwenden eines Konzepts erleichtern (Werkzeugkasten). Wir erstellen uns ein Wiki mit kurzen Notizen zu jedem Konzept, auch um Verbindungen zu entdecken. Dort reinzubloggen ist ein Übungsformat für uns (erkläre es dem anderen in einfachen Worten), und diese Aktivität dokumentiert unseren Wissensschatz.

Einen Konzept-Index erstellen

Schaffe dir ein Inhaltsverzeichnis für ein Konzept: eine ausklappbare Liste (in Dynalist.io), in der alle Oberthemen und zugehörigen Haupt-Konzepte aufgelistet sind. In ausklappbaren Bereichen sind dann jeweils Unter-Konzepte/Variationen, und Links zu allen Templates für spezifische Anwendungsmuster, die mit diesen Konzepten zusammenhängen und später für den Einsatz des Wissens nützlich sind. So wird es sogar zur ausführbaren, nutzbaren Checklist.

Zuletzt kann man dann am Ende auch einen visuellen Guide bauen, wie hier von Alex Vermeer über effektive Maßnahmen gegen deine Prokrastination.

Reflexionsfragen formulieren

Einen Prozess lebendiger machen und das Denken anregen, indem wir uns selbst auf verschiedene Arten zum Nachdenken über denselben Aspekt der Anwendung eines Konzepts/Prozesses bringen. Einige Beispiele:

  • Was, wenn das Gegenteil der Fall wäre?
  • War, wenn nur Aspekt X tatsächlich wichtig wäre?
  • Wie würdest du X tun, wenn du nur 10% der Ressourcen hättest?
  • Welche Annahmen stecken hinter Idee X?
  • Welche Annahmen sind möglicherweise falsch?
  • Welches Problem löst du hiermit?
  • Welche neuen Variablen fallen dir auf, wenn du alle Substantive in deiner aktuellen Frage durch genauere Erklärungen davon ersetzen musst, was du jeweils wirklich meinst?

Sich gegenseitig quizzen

Quizt euch gegenseitig häufig über das, was ihr gelernt habt. Schaut, ob ihr ein Konzept auf einen neuen Fall anwenden könnt, über den euch der/die andere erzählt.

3–1‑1 (Gegenseitiges Zusammenfassen)

Ihr nehmt euch einen Beispielfall. A erklärt B, wie man eine Methode oder ein Konzept aus eurem bisherigen Lernen darauf anwenden könnte, in 3 Minuten. B fasst es zusammen und baut darauf auf, in 1 Minute. A gibt noch kürzer wieder, was Bs Aussagen waren, und ergänzt das nochmal kurz.

Interleaving (Abwechselndes Einflechten)

Sobald du ein grundlegendes Verständnis hast, kann dir Interleaving helfen, die Konzepte zu meistern. Übe das Hin- und Herspringen zwischen verschiedenartigen Problemstellungen, die unterschiedliche Techniken erfordern. Zu lernen, wann ein bestimmtes Konzept anzuwenden ist, ist genauso wichtig wie das Wissen, wie man es anwendet. Wenn man gelernt hat, Konzepte und Ansätze auf einzelne Probleme anzuwenden, kann man in einer Session schnell zwischen verschiedenen komplexen Problemen wechseln, die jeweils eine unterschiedliche Kombination der Konzepte & Ansätze erfordern. Auf diese Art lässt sich sehr gut lernen, flexibel und kreativ mit dem Erlernten umzugehen. Das ist ein wichtiger Baustein fürs Meistern von Inhalten.

Drumherum

Die Studien zeigen, dass Menschen, die behaupten, gut im Multitasking zu sein, nicht wirklich besser darin sind als der Durchschnittsmensch.2

Effektive Studenten konzentrieren sich immer nur auf eine einzige Sache auf einmal. Also versuche nicht, zu lernen, während du auch ab und zu auf Nachrichten antwortest, fernsiehst und deinen Twitter-Feed checkst.

Hier sind einige Vorschläge für eine verbesserte Konzentration:

  • Smartphone-Benachrichtigungen ausschalten
  • Smartphone weglegen oder in den Flugzeugmodus schalten
  • Abmelden von allen Messengern
  • Schließe alle Internet-Browser-Fenster, die nichts mit dem Inhalt, an dem du arbeitest, zu tun haben
  • Räume das Chaos in deiner Studienumgebung auf.

Fühlbar machen

Mach die Übung zu einem echten, spannenden, fühlbaren Erlebnis. Lade sie mit Spannung und Bedeutung auf, indem du dir einen fiktiven Kontext schaffst, in dem du sie jetzt in begrenzter Zeit und möglichst gut lösen musst. “Die Vereinigten Nationen haben dich eingeladen, und du hast 2 Stunden, um einen Vorentwurf zu machen…” (Gestalte dir dies so, dass es aufregend ist, aber auch noch realistisch genug, dass du es nicht durch seine Absurdität kaum erstnehmen kannst.) Gefühle helfen uns, uns Dinge besser zu merken.

Belohnung

Belohne dich selbst am Ende jeder Lernsitzung: Ein Spaziergang, ein gesunder Snack, ein bisschen Bewegung, ein Lied und die Fäuste in die Luft…

Setze Übungsziele, nicht Ergebnisziele

Weniger erfolgreiche Schüler neigen dazu, sich Leistungsziele zu setzen, während erfolgreiche Schüler dazu neigen, sich Lernziele zu setzen. Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Zielen? Bei Leistungszielen (z.B. 90% der Punkte bei der nächsten Mathematikprüfung zu erreichen, in eine Top-Schule aufgenommen zu werden) geht es darum, intelligent auszusehen und sich gegenüber anderen zu beweisen. Im Gegensatz dazu geht es bei den Lernzielen (z.B. jeden zweiten Tag drei Algebraaufgaben lösen, fünf neue französische Wörter pro Tag lernen) um das Meistern von Herausforderungen und die persönliche Weiterentwicklung.1

  1. - How to Study Smart: 20 Scientific Ways to Learn Faster – Daniel Wong
    - The Feynman Technique: The Best Way to Learn Anything
    - Learning how to learn: science-backed tips to learn better and faster
    - What I learned from Coursera’s “Learning How to Learn” – Abhishek Pillai
  2. - Studie: Executive control of cognitive processes in task switching
    - Media multitaskers pay mental price, Stanford study shows