Illusion der Transparenz: Warum dich niemand versteht

Rationality: From AI to Zombies” ist Eine Abhandlung über Rationalität, übersetzt aus dem Englischen von Vegard Beyer.
Essays von Eliezer Yudkowsky, im englischen Original auf readthesequences.com

Ich werde die deutschen Übersetzungen hier jeweils verlinken, sobald sie fertiggestellt sind. Anmerkungen und englische Fachbegriffe stehen in eckigen Klammern. Definitionen und Längeres stehen teils im Mouseover, d.h. sie erscheinen, wenn man die Maus über das
gepunktet unterstrichene Wort bewegt.


Illusion der Transparenz: Warum niemand dich versteht

Der Rückschaufehler ist, wenn Menschen, die das Ergebnis einer Situation kennen, überzeugt sind, dass das Ergebnis im Voraus leicht hätte vorauszusagen sein müssen. Wenn wir das Ergebnis kennen, re-interpretieren wir die Situation angesichts dieses Ergebnisses neu. Selbst wenn wir vorgewarnt sind, können wir uns nicht von dieser Interpretation befreien (“de-interpretieren”), um uns in jemanden hineinzuversetzen, der nicht weiß, was wir wissen.

Eng damit verwandt ist die Illusion der Transparenz: Wir wissen immer, was wir mit unseren Worten meinen, und deshalb erwarten wir, dass andere es auch wissen. Wenn wir unsere eigenen Texte lesen, ergibt sich die beabsichtigte Interpretation wie von selbst, geleitet von unserem Wissen darüber, was wir wirklich gemeint haben. Es ist schwer, sich in jemanden hineinzuversetzen, der blind interpretieren muss – nur von den Worten geleitet.

Jane empfiehlt Mark ein Restaurant; Mark speist dort und entdeckt (a) unscheinbares Essen und mittelmäßigen Service oder (b) vorzügliches Essen und tadellosen Service.

Dann hinterlässt Mark die folgende Nachricht auf dem Anrufbeantworter von Jane: “Jane, ich habe gerade das Abendessen in dem Restaurant beendet, das du empfohlen hast, und ich muss sagen, es war wunderbar, einfach wunderbar.” Keysar präsentierte einer Gruppe von Probanden das Szenario (a), und 59% dachten, dass Marks Nachricht sarkastisch sei und dass Jane den Sarkasmus wahrnehmen würde.1

Von anderen Teilnehmern, denen man Szenario (b) präsentiert hatte, dachten nur 3%, dass Jane Marks Nachricht als sarkastisch empfinden würde. Keysar und Barr scheinen darauf anzudeuten, dass den Versuchsteilnehmern eine tatsächliche Sprachnachricht vorgespielt wurde.2

Keysar zeigte: Wenn Subjekten gesagt wurde, dass das Restaurant schrecklich sei, dass Mark seine Reaktion aber verbergen wollte, dann glaubten sie, dass Jane keinen Sarkasmus in der (selben) Botschaft wahrnehmen würde:3

Sie sagten genau so häufig voraus, dass sie Sarkasmus wahrnehmen würde, wenn er versuchte, seine negative Erfahrung zu verbergen, wie wenn er eine positive Erfahrung gemacht hatte und wirklich aufrichtig war. Die Teilnehmer nahmen also Marks kommunikative Absicht als transparent wahr. Es war, als ob sie annahmen, dass Jane jede Absicht wahrnehmen würde, von der Mark wollte, dass Jane sie wahrnehmen würde.4

The goose hangs high” ist eine altertümliche englische Redewendung, die in der modernen Sprache nicht mehr verwendet wird. Keysar und Bly sagten einer Gruppe von Teilnehmern, dass “Die Gans hängt hoch” bedeutet, dass die Zukunft gut aussieht. Eine andere Gruppe von Teilnehmern wurde informiert, dass “Die Gans hängt hoch” meint, dass die Zukunft düster aussieht.5 Die Probanden wurden dann jeweils gefragt, welche dieser beiden Bedeutungen ein uninformierter Zuhörer der Redewendung am ehesten zuschreiben würde. Jede Gruppe dachte, dass Zuhörer die ihnen genannte Bedeutung als “Standard” wahrnehmen würden.

(Andere getestete Redewendungen beinhalteten: “come the uncle over someone,” “to go by the board,” und “to lay out in lavender.” Ah, Englisch, welch eine schöne Sprache.)

Keysar und Henly testeten die Justierung von Rednern: Würden die Redner unterschätzen, überschätzen oder richtig einschätzen, wie oft ihre Zuhörer sie verstanden?6 Sprecher erhielten zweideutige Sätze (“Der Mann jagt eine Frau auf einem Fahrrad”) und vereindeutigende Bilder (ein Mann, der einer Radfahrerin hinterherläuft), baten dann die Redner, die zweideutigen Worte vor den Adressaten auszusprechen, baten sie die Sprecher, abzuschätzen, wie viele der Adressaten wohl die beabsichtigte Bedeutung verstanden hatten.

Die Redner glaubten, dass sie in 72% der Fälle verstanden wurden, und in waren tatsächlich in 61% der Fälle verstanden worden. Wenn die Adressaten nicht verstanden, dachten die Sprecher in 46% der Fälle, dass sie es verstanden hätten. Wenn Adressaten verstanden, dachten die Sprecher in nur 12% der Fälle, dass sie das nicht taten.

Weitere Probanden, die die Erklärung mitgehört hatten, zeigten keine solche Voreingenommenheit und erwarteten nur in 56% der Fälle, dass die Zuhörer verstanden hatten.

Wie Keysar und Barr anmerken, schickte Chamberlain zwei Tage vor Deutschlands Angriff auf Polen einen Brief, der klarstellen sollte, dass Großbritannien im Falle jeglicher Invasion kämpfen würde.7 Der Brief, der in höflichem Diplomatensprech formuliert war, wurde von Hitler als versöhnlich aufgefasst – und die Panzer rollten.

Beschuldige nicht allzu voreilig diejenigen, die deine vollkommen klaren und deutlichen Sätze, gesprochen oder geschrieben, falsch verstehen. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind deine Wörter missverständlicher, als du denkst.

 


  1. Boaz Keysar, “The Illusory Transparency of Intention: Linguistic Perspective Taking in Text,” Cognitive Psychology 26 (2 1994): 165–208, doi:10.1006/cogp.1994.1006. ↩︎
  2. Keysar und Barr, “Self-Anchoring in Conversation.” ↩︎
  3. Boaz Keysar, “Language Users as Problem Solvers: Just What Ambiguity Problem Do They Solve?,” in Social and Cognitive Approaches to Interpersonal Communication, bearb. Susan R. Fussell und Roger J. Kreuz (Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum Associates, 1998), 175–200. ↩︎
  4. Keysar und Barr, “Self-Anchoring in Conversation.” ↩︎
  5. Boaz Keysar und Bridget Bly, “Intuitions of the Transparency of Idioms: Can One Keep a Secret by Spilling the Beans?,” Journal of Memory and Language 34 (1 1995): 89–109, doi:10.1006/jmla.1995.1005. ↩︎
  6. Boaz Keysar und Anne S. Henly, “Speakers’ Overestimation of Their Effectiveness,” Psychological Science 13 (3 2002): 207–212, doi:10.1111/1467–9280.00439. ↩︎
  7. Keysar und Barr, “Self-Anchoring in Conversation.” ↩︎

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Die Erwartung kurzer Inferenzabstände